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Die Hitze versengte fast ihr Gesicht, als Maerys versuchte das Feuer unter dem Kessel zu regulieren. Sie presste ihre Lippen zusammen und ignorierte den Schmerz, stocherte stattdessen weiter mit ihrem Stock zwischen den brennenden Scheiten. Große glänzende schwarze Augen blickten ihr entgegen. Auch diese beachtete sie nicht.  

Das teerartige Gebräu blubberte träge vor sich hin und verströmte einen Duft nach frisch gemähtem Gras und Kräutern.

Maerys schloss die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Sie vergaß den Winter und die hohen Nadelbäume, die sie umgaben. Sie kniete auf einer kleinen Lichtung, in deren Mitte eine kahle und vereiste Eiche stand. Ihre knorrigen Äste versuchten einen schützenden Baldachin über sie zu bilden.

Der Duft ließ sie vergessen, dass sie viel zu dünn angezogen war und die Kälte ihr bis in die Knochen drang, trotz des Feuers vor ihr. Eine weiße Schneedecke umgab sie, in der die kläglichen Reste von verdorrten Kräutern und verfaulten Blumen sich wie Skelette gen Himmel reckten. Alles war von Raureif überzogen.

Langsam öffnete Maerys wieder ihre Augen.

Sie seufzte und ihre freie Hand wanderte zu ihrem dunkelbraunen Ledergürtel, an dem ein Täschchen und ein Dolch hing. Nur am Rande bemerkte sie, wie die Kälte des Bodens durch ihren dunkelgrünen Wollrock drang. Auch das könnte sie vergessen, wenn sie ein Kügelchen nahm. Das Endprodukt von der Flüssigkeit, die vor ihr brodelte.

Der indigofarbene Schal rutschte von ihren Schultern und zeigte ein weit fallendes dunkelgraues Leinenhemd.

Ihr Blick fiel auf eine Biene, die sich auf einer verfaulten Blume niederließ. Sofort zog sich die winterliche Schwärze zurück und der Sonnenhut entfaltete seine volle Pracht und das kleine Insekt suchte geschäftig nach Nektar. Ein Kaninchen hoppelte an ihr vorbei und verschwand in einem unterirdischen Bau, in dem die Köpfe von drei Kleinen hervorlugten, um sofort wieder zu verschwinden.

Der Wind raschelte in den Blättern der Eiche und Maerys spürte, wie es ihr warm wurde. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht.

Starke Arme legten sich um sie und zwangen sie aufzustehen.

„Beweg dich, Mädchen“, sagte eine Stimme, die Maerys wage bekannt vorkam. „Du warst dem Dunst von Nebeltröpfchen zu lange ausgesetzt.“

Kräftige Arme zogen ihren Schal wieder über die Schultern und verknoteten ihn fest vor ihrer Brust.

„Ich habe dir Suppe mitgebracht. Sie ist noch warm.“

Maerys nickte und stützte sich an der Eiche ab, nahm einen tiefen Atemzug. Die Kälte stürmte rücksichtslos auf sie ein und brachte sie zum Husten.

„Danke.“

„Ich wollte schon früher hier sein, aber ich wurde aufgehalten.“

Die Lichtung lag wieder tot vor ihr. Kein blühender Sonnenhut, keine Biene und keine Kaninchen. Die Äste der Eiche knarrten leise im Wind.

Maerys blickte der Frau hinterher, deren langen aschblonden Haare zu einem kunstvoll geflochtenen Zopf drapiert waren. Akantha, die Nachbarin von ihr und ihrer Mutter. Sie lebten alle auf dem gleichen Korridor am Hof der Erde. Für den König und seine Gefolgschaft waren sie Namenlose. Dafür zuständig, dass alles reibungslos für die höhere Gesellschaft verlief.

Akantha rührte im Kessel und kniff die Augen zusammen.

„Kein Wunder, dass es dich erwischt hat“, meinte sie und deutete mit der freien Hand ungeduldig auf die dampfende Schüssel am Boden. Maerys hob sie dankend hoch und begann zu schlürfen. Kräftige Hühnersuppe. „Nebeltröpfchen ist diesmal besonders stark.“

Akantha nahm einen tiefen Atemzug und fing an zu summen. Im Gegenzug zu Maerys bekam sie keinen verklärten Gesichtsausdruck und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

„Du hast gut eingeheizt.“

Maerys schüttelte den Kopf. Wenn sie wüsste. Glänzende schwarze Augen zwinkerten ihr zu und sie musste sich ein Grinsen verkneifen.

Angenehme Wärme machte sich in ihrem Bauch breit. Bis jetzt hatte sie nicht gewusst, wie kalt ihr wirklich gewesen war.

„Lass uns abwechseln“, schlug Maerys vor und ging auf Akantha und den Kessel zu.

„Bleib, wo du bist“, sagte Akantha bestimmt. „Ich bringe dir die Masse zum weiterverarbeiten. Sonst verfällst du mir wieder in ein Delirium.“

„Warum hältst du so viel mehr aus als ich?“

„Weil ich älter bin.“

Maerys glaubte ihr nicht. Der Satz kam ihr viel zu leicht über die Lippen. Stattdessen schnappte sie sich den schweren flachen Stein und legte ihn vor die Eiche, gerade so, dass noch Platz war, sich gegen sie zu lehnen und dabei entspannt in der Hocke zu sitzen.

„Du musst schnell sein. Es ist immer noch zu kalt, dafür dass eigentlich bald der Frühling kommen sollte.“ Akantha stellte ihr eine Schüssel mit der schwarzen Masse daneben. Sie hatte aufgehört zu blubbern und es bildete sich bereits ein Häutchen, das ein feines silbriges Licht von sich gab.

„Ich weiß.“ Und ohne weiter auf Akantha zu achten, griffen ihre Finger in die Schüssel und holten eine Handvoll raus. Zügig trennte sie die Masse in haselnussgroße Portionen, verarbeitete diese zu kleinen Kugeln und legte sie auf den gefrorenen Boden. Sie musste nicht hinschauen, um zu wissen, dass die Oberfläche porös werden würde beim trocknen. Vollständig abgekühlt waren sie geruchsneutral.

Akantha fing leise zu singen an und verdrängte die Schwere in Maerys Körper und Kopf. Mit einer neu gewonnenen Leichtigkeit arbeiteten ihre Hände im Rhythmus von Akanthas Lied. Sie hörte auf zu denken und ließ ihren Gedanken freien Lauf.

„Hier wird uns niemand entdecken“, sagte Akantha und füllte die leere Schüssel mit neuer Masse. „In diesen Teil des Waldes hat sich in den letzten Jahrzehnten niemand verirrt.“

Maerys erstarrte in ihrer Bewegung. So viel davon, dass sie hier friedlich arbeiten konnte. Ihr stellten sich die Härchen auf. Plötzlich war ihr das Prasseln des Feuers und der Singsang von Akantha zu laut. Sie wusste um die Gerüchte, die von diesem Teil des Waldes handelten.

Ein Klappern riss sie aus ihren Gedanken und sie zuckte zusammen. Akantha hatte ihr die nächste Schüssel hingestellt und sofort machte Maerys weiter mit den Kugeln.

„Wir waren die letzten Jahre ständig hier auf der Lichtung.“ Akanthas Stimme war leise. „Und es ist nie etwas vorgefallen.“

„Ich weiß.“ Maerys redete sich ein, das Zittern ihre Hände käme von der Kälte. Doch sie wusste es besser.

„Sie kommen nicht bei Tag raus.“ Akantha schnappte sich einen zweiten flachen Stein, setzte sich neben sie und fing auch an, kleine schwarze Kügelchen zu formen.

„Das ist auch das einzig Beruhigende“, brummte Maerys.

„Also müssen wir vor Sonnenuntergang von hier verschwinden“, meinte Akantha und überging die letzte Aussage. Sie begann wieder zu summen und wechselte schnell in einen leisen Singsang.

Schnell füllte sich der Boden vor ihnen mit den Kügelchen und Maerys schnappte sich einen Leinensack und befüllte ihn. Mit einem Ächzen trug sie ihn an den Rand der Lichtung und ließ ihn in eine Schubkarre fallen.

Die Stunden vergingen und die Frauen machten in ihrer monotonen Arbeit weiter. Die Säcke füllten sich und schon bald stapelten sie sich übereinander. Die Sonne wanderte langsam zum Horizont.

Dann ging Akantha ein letztes Mal zum Kessel und stellte fest, dass er endlich leer war. Mit einem Zeichen machte sie Maerys klar, das Feuer zu löschen. Die Frauen wurden langsam nervös und keine wagte mehr laut zu sprechen oder zu singen. Mühelos hievte Akantha den letzten Sack auf die Karre und machte alles mit einem dicken Seil fest. Maerys war immer wieder überrascht über ihre Kraft. Sie waren beide gleich groß und ihr war bewusst, dass sie mit ihrer schlanken Statur und ihren 22 Wintern eher schwach wirkte. Da konnte auch ihre locker sitzende Kleidung nichts daran ändern. Doch Akantha schien muskulöser sein. Auch wenn ihr dunkelblaues Kleid, dass von einem braunem Gürtel um ihre Taille gehalten wurde, nicht darauf schließen ließ. In ihren eisblauen Augen schwamm immer eine gewisse Härte mit, die ihr vermutlich das Leben verpasst hatte. Feine Fältchen um Akanthas Augen verstärkten nur noch diesen Effekt.

Mit einem leisen Stöhnen stand Maerys auf. Die Kälte hatte ihre Glieder steif werden lassen und vorsichtig bewegte sie ihre Beine und Arme. Dann ging sie langsam zur Kochstelle.

„Na, ihr?“, flüsterte Maerys und hielt ihre klammen Hände an das kleiner werdende Feuer.

Die Salamander blickten erwartungsvoll zu ihr auf. Unter ihrer schwarzen ledrigen Haut glühte es immer wieder rotgolden hervor. Verstohlen blickte Maerys zu Akantha.

Schon als Kind konnte sie die Wesen der vier Elemente sehen und mit ihnen kommunizieren. Nicht unbedingt, dass sie auch auf sie hörten und ihre Befehle befolgten. Besonders die Erdwesen waren schwer zu knacken. Die Zwerge und Gnome machten einfach, was sie wollten. Da waren ihr die Feuerwesen, die Salamander, schon um einiges lieber. Tag für Tag hatte sie mit ihnen zu tun und sie liebgewonnen, wie gute alte Freunde. Wenigsten hören sie immer mal wieder auf mich, dachte Maerys.

Das größte Problem waren die Menschen um sie herum. Keiner konnte die Naturwesen sehen oder hören und so taten sich alle schwer Maerys zu glauben. Schnell hatte sie gelernt vorsichtig zu sein und sich nichts anmerken zu lassen, wenn ihr ein Wesen über den Weg lief.

„Ich kann euch leider nichts mehr geben“, murmelte sie und ignorierte das Wehklagen der kleinen Salamander.

„Beeil dich.“ Akanthas Tonfall wurde schärfer und Maerys schaufelte mit ihren Händen schnell Schnee auf das Feuer. Sofort zischte es und hüllte sie und den Kessel in Rauch ein. Sie meinte noch zu hören, wie eins der Salamander unflätig fluchte. Maerys konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Goldoranges Licht beleuchtete die schneebedeckten Kieferspitzen. Wunderschön. Maerys konnte nicht anders. Sie hielt inne. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte sie hinter den Gemäuern des Hofes. Die Ausflüge mit Akantha in den Wald waren etwas Besonderes. Auch wenn sie gleichzeitig Gefahr bedeuteten.

Hinter den Nadelbäumen ragten unzählige Türme des Hofes des Erde auf. Ihr Zuhause. Der Schnee auf den Dächern glühte rot und zeigte Maerys, dass die Sonne am Untergehen war. Sie wirkten näher, als sie wirklich waren.

Das Schleifen der Schubkarre über den gefrorenen Schnee war laut. Maerys knirschte mit den Zähnen über diesen überflüssigen Lärm und verließ hastig die Lichtung. Der sommerliche Duft von Nebeltröpfchen drang ihr in die Nase und sie überschritt eine unsichtbare Grenze aus blühenden Blumen und sommerlicher Wärme. Einen Moment später knackte es erneut unter ihren Stiefeln. Noch mehr unnötiger Lärm. Und die Kälte drang ihr wieder durch die Kleidung.

Akantha war bereits nicht mehr zu sehen, doch die Spuren im Schnee waren überdeutlich zu erkennen. Sie waren bloßgelegt. Maerys begann zu schwitzen und holte ihre Freundin schnell ein.

„Lass den Schubkarren stehen“, zischte sie.

„Nein.“ Akantha blickte starr gerade aus und zog nur noch heftiger an dem Karren. Die Säcke wurden durchgerüttelt, doch das Seil hielt alles an Ort und Stelle.

Maerys drückte von hinten dagegen. Zum Glück hatte es in den letzten Stunden nicht geschneit und so war die alte Fahrspur noch da. Der Schubkarren wurde schneller.

Rasch senkte sich die Dunkelheit über den Wald und verdrängte das goldene Orange. Die Türme des Hofes wurden nun vom Mondlicht erhellt und verströmten einen eigentümlichen Glanz.

Hoffentlich begegneten sie keinen Strimai.

Maerys konzentrierte sich auf die Säcke vor ihr. Jute. Grob. Sehr gut, um die fertigen Kugeln aus Nebeltröpfchen zu lagern. Ihre Gedanken drifteten zu diesem Pilz ab. Er wuchs das ganze Jahr über im Wald hinter dem Hof der Erde. Laut Akantha war er auf der ganzen Insel Myrdon zu finden. Für die, die ihn kannten. Und das waren sehr wenige. Nebeltröpfchen war kleiner als ein Grashalm und in einem unscheinbaren Dunkelgrau. Am liebsten wuchs er in Gruppen im Schatten des Waldes.

Ein Schimmern drang an den Rand ihres Blickfelds und Maerys presste die Lippen zusammen. Nicht jetzt.

Das war so eine weitere Eigenart von Nebeltröpfchen. Hatte man ihn einmal eingenommen, so brachte er die Sterne auf den Boden. Für Maerys war er seit 11 Jahren nicht nur einfach ein unscheinbarer grauer Pilz, sondern ein sanftes Sternenlicht, solange er noch mit der Erde verbunden war. Geerntet verschwand das Licht und er lag langweilig vor einem. Was sich wiederum änderte, wenn er verkocht wurde. Dann gelangte das Sternenlicht wieder an die Oberfläche. Maerys Blick huschte zu ihrem Täschchen, das an ihrem Ledergürtel hing. Kein Sternenlicht drang durch, ein gutes Zeichen. Sie hatte nicht zu viel eingenommen, was sich auch durch körperliche Symptome bemerkbar gemacht hätte.

Ein Knacken durchbrach die Stille des Waldes und Maerys Gedanken. Sie hob ihren Kopf und sah nun überdeutlich die rechts und links liegende Schneedecke aus silbrigem Sternenlicht. Der Pilz wuchs dieses Jahr besonders stark.

„Wen haben wir denn da?“, säuselte eine Stimme und der Schubkarren kam ruckartig zum Stehen. Maerys knallte gegen die gefüllten Säcke und sie hörte noch ein Verdammt von Akantha. Dann legte sich eine tödliche Stille um sie.